Danke. Nein danke.

Wie es war, wie es ist, wie es nicht mehr sein wird.

Zuerst ein paar Fakten - mit Punkt und ohne Komma

Dolmetscherin und Übersetzerin sind keine geschützten Berufe. Punkt. 

Eine professionelle Dolmetscherin oder Übersetzerin hat eine mehrjährige Ausbildung absolviert. Punkt.

Zweisprachige Personen sind nicht automatisch professionelle Dolmetscherinnen oder Übersetzerinnen. Punkt.

Maschinen liefern keine professionellen Verdolmetschungen oder Übersetzungen. Punkt.

 

Mailverkehr - ein Hin und Her

Eine neue E-Mail im Posteingang. Juhu! Vielleicht ein großer Auftrag? 

Aha, eine "Transcreation", also die kreative Übersetzung eines Marketingtextes ist gefragt. Wortanzahl noch nicht bekannt, Preis noch nicht bekannt. Abgabetermin morgen.  Der Kunde liefert im Laufe des Nachmittags. 

Okay. Rückfrage. 

Bitte gleich zusagen, sonst wird eine andere gesucht. 

Keine Zusage ohne Wortanzahl, Kontext und Preis möglich.

Warten. Doch keine andere gefunden?

Nur wenig Text. In zwei Stunden abzuliefern. Am besten stückweise zurücksenden, damit gleich interne Qualitätskontrolle erfolgen kann.

Preis pro Wort errechnen. HALT! Noch einmal eintippen, vielleicht falsche Taste am Taschenrechner erwischt? Nein, richtig. 2 Cent pro Wort.

Danke. Nein danke.

 

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Was hier steht ist kein Witz, sondern die Realität. Bis auf eine Sache: Ich habe den Auftrag angenommen und innerhalb weniger Stunden eine Übersetzung abgeliefert mit der ich selbst nicht hundertprozentig zufrieden war. Heute würde ich das nicht mehr machen.

 

Fünf Jahre Studium (okay ich habe ein bisschen länger dafür gebraucht) liegen hinter einer, wenn frau sich als Dolmetscherin oder Übersetzerin selbständig macht. Mitte 20 denkt frau sich dann: Zeit, endlich Geld zu verdienen, ihre Träume zu verwirklichen. Die Warnungen von Lektorinnen aus dem Studium hallen im Kopf herum. Seid euch ja sicher, dass ihr das machen wollt. Es wird nicht leicht. Gehört. Verdrängt. Weitergemacht. Bitte keine Missverständnisse, ich würde es wieder tun. Doch jede muss danach am freien Markt ihren eigenen Weg finden. Das kommt auf die Lebensumstände an, welche Ziele frau verfolgt, welche Träume frau hat und natürlich auch darauf, wo frau lebt und welche Sprachen frau studiert hat. Kann ich es mir leisten im Jahr so wenig zu verdienen wie andere im Monat? Nein. Für mich war (anfangs) klar: Es muss klappen! Ich habe so viel investiert. Also im Studentinnen-Nebenjob bleiben und versuchen, nebenbei Aufträge an Land zu ziehen. Unzählige Bewerbungen an Agenturen geschickt. Probeübersetzungen für lau abgeliefert. Steuernummer, Versicherung - oh ein PayPal-Konto braucht frau vielleicht auch noch.

 

Ein Jahr später. Zeit etwas zu verändern. Neuer Job - Vollzeit. Auftragslage unverändert. Doch ich habe finanzielle Sicherheit durch meine Anstellung, Pensionsansprüche und eine Krankenversicherung.

Ich habe mich entschieden, mich dem Druck am Markt nicht zu unterwerfen. Mag schon sein, dass die Übersetzerin außerhalb von Österreich einen niedrigeren Preis anbietet. Ob sie eine Muttersprachlerin ist? Weiß ich nicht.

Mag schon sein, dass die Übersetzung von Google Translate für den ein oder anderen Kunden ausreicht. Dann bitte gerne. Ich kann den Markt nicht ändern. Aber ich kann meine Rolle darin ändern. Ich mache da nicht mehr mit. Dann bin ich eben nicht Lea Knabl - Dolmetscherin und Übersetzerin. Dann bin ich eben Lea Knabl - Dolmetscherin, Übersetzerin, Angestellte, kreativer Kopf, Tausendsasa. Und zufrieden.

Fair bezahlte Aufträge mit machbaren Deadlines. Gerne. Den Rest brauch ich nicht.

Danke. Nein danke.

 

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P.S.: Um die Realität abzubilden wurde im Text die weibliche Form gewählt, nichtsdestoweniger beziehen

sich die Angaben auf Angehörige aller Geschlechter.

87 Prozent der Mitglieder von Universitas Austria, dem Berufsverband für DolmetscherInnen und ÜbersetzerInnen in Österreich, sind Frauen. 

 

 

 

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